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Dem Himmel so nah: Dieses Kreuzberger Restaurant denkt Integration neu

Dem Himmel so nah: Dieses Kreuzberger Restaurant denkt Integration neu

2015 bot der Journalist Andreas Tölke insgesamt über 400 Fremden an, in seiner Wohnung zu übernachten. Was erst mal irrsinnig klingt, war Andreas’ Art zu helfen: Europa war mitten in einer seiner jüngeren „Krisen“ – und die Menschen, denen er Obdach gewährte, waren Flüchtende aus Syrien.


Heute ist Andreas das Gesicht des Restaurants Kreuzberger Himmel in Berlin – ein Projekt, das sich der Ausbildung und Integration von Ankommenden aus Syrien, Pakistan und Afghanistan verschrieben hat. Wir haben Andreas und seine französische Bulldogge Herr Müller im Restaurant besucht und gefragt, wie es war einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen begegnen, gemeinsam essen – und über frischem Hummus, Patisserie und anderen Köstlichkeiten ihre Geschichten erzählen.

Wie entstand die Idee zum Kreuzberger Himmel?

Nach vier Jahren in der Flüchtlingshilfe, hatten wir zu oft gesehen, wie schwer es den Menschen gemacht wird, Jobs zu finden oder eine Ausbildung zu beginnen. Geflüchtete kennen Deutsche oft nur als Sachbearbeiter in Behörden, Deutsche kennen Geflüchtete meist nur aus den Medien. Sich locker zu begegnen und in einer schönen Umgebung gut essen – das war die Mission.

Und war die Umsetzung leichter oder schwerer als gedacht?

Es war die Hölle. Wir sind völlig ahnungslos in die Mühlen von Gewerbeaufsicht, Umweltschutzamt und Hygieneamt geraten. Wir hatten zum Glück sensationelle Unterstützer, auch aus der Gastronomie. Von daher war es nur eine kurze Zeit mit Mega-Stress.

Wie unterscheidet sich der Kreuzberger Himmel von anderen Integrationsprojekten mit Geflüchteten?

Vorab: Jede Initiative und alle Freiwilligen, die Geflüchtete unterstützen, haben meinen allergrößten Respekt. Aber wir haben über die Zeit erlebt, dass die Menschen, die hier angekommen, überfordert werden: Mit Behörden, mit dem Alltag, mit uns – wir haben ja auch so unsere Eigenheiten. Unsere Arbeit hat sich eng an diesen Bedürfnissen entwickelt: Wir begleiten, sind bei jeder Frage, bei jedem Problem Ansprechpartner.

Außer, und das ist uns wichtig, wenn die Menschen es nicht wollen oder sie unsere Guidelines nicht akzeptieren. Wir dulden keine Gewalt und keine Diskriminierung. Wir sagen immer: „Ihr müsst nicht alles gleich verstehen: Wie wir uns kleiden oder wen wir lieben. Aber niemand will euren Kommentar. Wir erklären euch unsere Werte – die ihr ja auch für euch wollt.“

Welche Rolle spielt das Einrichtungskonzept des Restaurants?

Unsere Interior-Designerin wollte einen Raum schaffen, der zeitgemäß aber nicht übermäßig designt wirkt. Ihr waren besonders die großen Tische wichtig. Die Idee dahinter war die einer „Sharing Community“. Wir setzen wildfremde Menschen zusammen an einen Esstisch und haben schon wahnsinnig oft erlebt, wie Gespräche entstehen und die Gäste viel Spaß miteinander haben. Das Konzept geht also auf.

Wer designt bei euch das Menü?

Das wäre Othman – er stammt aus Syrien, hatte dort ein Team aus 32 Mitarbeitern und leitete ein Top-Restaurant. Er ist hier Küchenchef und entwickelt das Menü, kommt dauernd mit neuen Vorschlägen und ist einfach das Rückgrat des Restaurants. Ihm zur Seite steht Layali aus dem Iran, Ala, die für Patisserie und Desserts verantwortlich ist und dazu Bakri, ein Rechtsanwalt aus Aleppo, der unsere Küche managt.

Und wer sind eure Gäste?

Alle. Alte Leutchen aus der Nachbarschaft, die Kunst- und Modeszene aus Mitte, viel internationale Gäste, oft von Universitäten und Hochschulen. „Alle“ hört sich sicher erst mal nach Standardantwort an – aber es stimmt bei uns wirklich. Da sitzen Menschen gemeinsam an einem Tisch, die sich im Leben nie kennengelernt hätten. Für uns ist das ein Traum.

Welche Rolle spielt der Kiez für euer Projekt?

Kreuzberg war immer die Essenz von Berlin. Von hippen Start-ups bis zur alternativen Szene, von coolen Clubs bis hin zu den besten Restaurants oder dem nächsten großen Design-Hit – in Kreuzberg gibt es einfach alles. Kreuzberg passt zu uns. Und wir passen zu Kreuzberg.

Was ihr hier macht ist sehr inspirierend. Hast du Ideen, wie wir uns alle im Alltag mehr engagieren können?

Ich freue mich über Offenheit, über Unvoreingenommenheit. Ich freue mich über Menschen, die sich Zeit nehmen. Und wer sich engagieren will: In fast jeder Stadt gibt es aktive Initiativen – wir stellen gerne den Kontakt her. Wir selbst freuen uns immer über Unterstützung bei Behördengängen, bei Einladungen zu Freizeitaktivitäten oder beim Deutschunterricht. Und wir freuen uns natürlich immer über Spenden.

Restaurant Kreuzberger Himmel

Yorckstraße 89

10965 Berlin

Autor: Lisa Wenske
Fotograf: Anna Cor

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